Über die individuelle Bewertung von Traumata.

Neben den ganzen Tagebuch-artigen Einträgen ist heute mal wieder etwas Raum für was Allgemeineres. Mich beschleicht immer wieder das Gefühl, dass der „Auslöser“ für meine Borderline-Störung sich immer wiederholenden Schemata (vor allem bezüglich meiner Verlustängste) nicht berechtigt ist. Weil er „nicht schlimm genug“ ist.

Auf einer sehr bekannten social media plattform folge ich mit diesem Blog – Profil einigen Menschen, die ebenfalls an Borderline oder anderen psychischen Krankheiten leiden. Was ich beim scrollen durch den Feed und lesen der Beiträge immer wieder feststelle: Krass. Haben die heftige Traumata erlebt. Sexueller Missbrauch, Todesfälle im engen Freundes- / Familienkreis, extremes Mobbing, oft mehrere Suizidversuche, daraus resultierend zig Klinikaufenthalte, verschiedenste hochdosierte Medikamente. Und dann liege ich in meinem Bett und denke mir….

Du hast gar kein Recht dich so schlecht zu fühlen. Du hast sowas nicht erlebt. Du hast doch „nur“ weniger Aufmerksamkeit von deinen Eltern bekommen, als du gebraucht hast. Und außerdem… Du brauchst keine Medikamente. Abgesehen davon, dass ich in keine Klinik gehen kann, fühle ich mich derzeit aber auch gar nicht danach. Also… Du solltest nicht so ein Drama um deine Krankheit machen. Anderen geht’s so viel schlechter.

Und das ist Quatsch. Jeder hat das Recht, seinen eigenen Schmerz so stark zu empfinden, wie er nunmal auftritt. Wir müssen uns nicht vergleichen. Traumata sind keine Wettbewerbe. Es geht nicht darum, wer schlimmere Dinge erlebt hat. Es geht vielmehr darum, deine eigenen dich prägenden Erfahrungen anzunehmen. Zu akzeptieren. Und zu heilen. Schritt für Schritt. Dabei ist es nicht wichtig, wie schlimm es auf das Außen wirkt, was dich belastet. Unsere Gesellschaft und unser Gehirn kategorisiert automatisch nach schwerwiegendere Traumata und welche, die weniger schwerwiegend sind. Sicherlich kann man irgendwo anfangen zu kategorisieren. Aber wofür denn?

Es bringt uns nichts. Außer, dass wir uns wieder einmal denen unterordnen, die „schlimmeres“ erlebt haben als wir. Und die, die schlimmeres erlebt haben, sich noch schlechter fühlen. So können wir unser eigenes Trauma aber nicht heilen. Denn so machen wir es klein. Das Kind in uns und seine Gefühle, die es während des Traumas erlebt hat.

Wir können uns erst heilen, wenn wir Akzeptanz entwickeln. Akzeptanz und Wertschätzung. Wertschätzung für unser eigenes Leid. Unseren eigenen Schmerz. Den Auslöser dafür. Und unseren dafür ausgewählten Heilungsweg.

Ja, vielleicht sagt mir jemand, der einen schlimmen Verlust durch einen Schicksalsschlag erlitten hat: „Ach, wenn ich doch nur dein Problem hätte. „Nur“ weniger Aufmerksamkeit der Eltern. Dann wäre meine Welt in Ordnung“.

Ja, vielleicht empfindet der andere das so.

Aber für mich, für mein inneres Kind hat die fehlende Aufmerksamkeit meiner Eltern scheinbar gereicht, um Verlustängste auszuprägen/ zu entwickeln. Verlustängste, die die Unbeschwertheit meines Lebens als große Lynn nun beeinträchtigen.

Fakt ist: Egal, woher meine oder deine Verlustängste oder psychischen Belastungen kommen – egal, wie lange sie exisiteren oder wie intensiv sie eine Rolle in deinem Leben spielen:

Du hast das Recht, sie so zu fühlen, wie sie sich eben anfühlen. Du bist nicht weniger wert als andere. Deine Belastungen haben nicht weniger Aufmerksamkeit verdient, als die Anderer.

Denn Traumata sind individuell zu bewerten und sollten nicht verallgemeinernd nach Schweregrad kategorisiert werden. Vor allem Menschen mit einem etwas schwächeren Selbstwertgefühls tendieren dazu sich stetig zu vergleichen. Nur vergleichen wir uns meistens mit denen, die sowieso alles besser können als wir. Oder, denen es – in diesem Fall – sowieso mehr zusteht Probleme zu haben, als uns.

Weil wir unseren eigenen Wert und unsere eigene Wichtigkeit nicht erkennen können.


Deshalb möchte ich heute versuchen all diese Gedankengänge anzunehmen und mir zu sagen:

Mein Trauma ist nicht weniger wert, nur weil es weniger schlimm erscheint als das Anderer.

Ein Kommentar zu „Über die individuelle Bewertung von Traumata.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.